Bis vor einigen Jahren hätte vermutlich kaum jemand den (Party-)Schlager mit der extrem rechten Szene in Verbindung gebracht. Doch schon im Nationalsozialismus nahm Tanzschlager als Unterhaltungsmusik einen großen Stellenwert ein. Zudem wurden Schlagersänger*innen und ihre Texte zu Propagandazwecken eingespannt.
Bis heute zählen deutsche Partyschlager (auch Ballermann-Schlager) zu einem wichtigen Unterhaltungsinstrument in weiten Teilen der Gesellschaft. Seit Jahren werden kurze Songausschnitte zudem gerne als musikalische Untermalung von Videos auf TikTok, Instagram und YouTube Shorts genutzt (als Song-Memes). Dies hat auch die extreme Rechte erkannt und in den vergangenen 5 Jahren dieses Genre für sich entdeckt. Das Ziel: Ein jüngeres Publikum und die „Mitte der Gesellschaft“ erreichen.
Umtexten oder neu schreiben?
Eines der bekanntesten Beispiele für eine Umtextierung von bereits bestehenden Songs geschah in den Jahren 2023 und 2024, als medial bekannt wurde, wie häufig der Song „L’amour toujours“ von Gigi D’Agostino mit ausländerfeindlichen Parolen bereits mitgesungen wurde. Im Mai 2024 filmten Personen einen Clubbesuch auf Sylt und teilten die Videos online – gefolgt von einer viralen Meldung über dieses Ereignis. Dies veranlasste den rechten Rapper Proto (Kai Naggert) dazu, gemeinsam mit Kavalier (Dominik Raupbach), das Musikvideo für ihren neuen Song auf Sylt zu drehen. Der Song erreichte bei YouTube über eine Millionen Klicks (von Juni 2024 bis zur Löschung des Kanals im Mai 2025).
Eine Zweckentfremdung ihres eigenen Songs erlebte 2014 schon Helene Fischer, als „Atemlos durch die Nacht“ von der ehemaligen NPD (nun: Die Heimat) auf Wahlkampfveranstaltungen zur Landtagswahl in Thüringen gespielt wurde. Sie klagte dagegen und gewann.
Dabei setzen extrem rechte Protagonisten auch auf eigene Songs und Texte und nutzen die Eingängigkeit der, meist heiteren, Melodie und die einfachen Texte und Refrains. Mit (extrem) rechten Schlager werden menschenverachtende, radikal rechte oder systemfeindliche Ideologien mit klatschbaren Rhythmen und mitsingbaren Texten übermittelt.
Funktionen für die Szene
Auch bei der Eroberung dieses Gerne geht es – wie bei vielen rechten Musikprojekten – um Raumnahme und Ideologievermittlung, mit dem Ziel, weitere Anhänger*innen für die Szene zu gewinnen.
Ein Interpret beschrieb das Ziel seiner Musik gegenüber Punikoff (einem rechten Online-Musikmagazin) wie folgt: „Partys entern, Partys ändern – Gegenkultur stärken“. Die Musik könne besser im Bierzelt, auf Feuerwehrfesten oder Junggesellenabschieden gespielt werden als andere Formen des RechtsRock. Sie ermöglicht den Anhänger*innen der Szene in Feierlaune zu kommen, ohne dabei auf ihren ideologischen Unterbau verzichten zu müssen. All das trägt auch dazu bei, dass eine geschlossene rechte Lebenswelt entstehen kann, in der unpolitische (musikalische) Einflüsse kaum mehr vorkommen.
Nennenswerte Interpreten der extremen Rechten
Proto & Kavalier – die beiden Rapper des Labels NDS, produzieren auch einige poppige Schlagermelodien.
„Johnny Zahngold“ (J.Z.) – Dies ist einer von vielen Künstlernamen eines scheinbaren Allrounders der rechten Musikszene, der bereits mit NS-Rap (NSS – ‚N Socialist Soundsystem) und Hardrock-Musikprojekten (Häretiker) für Aufsehen sorgte. Er nennt sich Henry8, seine bürgerliche Identität hält er geheim.
All diese Aktivitäten verfolgt er mit dem Ziel, „einfach gute Musik zu machen“ und damit möglichst viele Leute (auch außerhalb) der Szene zu erreichen, in der Henry8 laut eigener Aussage bestens vernetzt ist. Auf seiner Homepage werden Alben von anderen rechten Bands und gemeinsam erschienene Alben des Labels „Frontmusik“ vermarktet. Zusammenarbeit gab es u.a. mit Hannes von Kategorie C.
Unter dem Namen Johnny Zahngold veröffentlicht er rechten Schlager. Im Impressum der Webseite von J.Z. ist Nils Budig und dessen Firma „KüstenTextil UG“ angegeben. Küsten-Textil vertreibt Textilien, Tonträger, Bücher und weiteren Merchandise für die extrem rechte Szene. Budig ist außerdem Unterstützer der Hammerskin-Nation und führt unter seinem Namen drei Rechtsrocklabel.
Nennenswerte Interpreten aus der (extrem) rechten Szene und Querdenken-Szene
Björn Winter (alias Björn Banane) – war bis 2020 als unpolitischer DJ und Party-Schlagersänger in Deutschland und am Ballermann zu sehen. Im Zuge der Corona-Pandemie wurde er zum lauten Impf- und Systemkritiker und Anhänger (extrem) rechter Parteien sowie Reichsbürgerthesen. Ab 2021 tritt er als DJ und Musiker für einschlägige Veranstaltungen der rechten sowie Querdenken-Szene auf und ist ein politischer Aktivist und Musiker mit mittlerer Reichweite (rund 65.000 YouTube Abonnenten, knapp 13 800 bei Telegram, Stand Januar 2026). Regelmäßig teilt er umfangreiche Live-Streams von einschlägigen Ereignissen in Deutschland und kommentiert diese, z.B. vom Stromausfall im Januar 2026 in Berlin oder den Bauernprotesten im Januar 2024 in Berlin und Brandenburg.
Michael Norberg (alias Der Wendler) – teilte und verbreitete ab 2020 Verschwörungsmythen und antisemitische Narrative. Er leugnete den Klimawandel und machte auf Instagram Werbung für Prepper-Produkte und den KOPP Verlag. Dem COMPACT-Magazin gab er 2021 ein Interview und verbreitete knapp 60-mal dessen Inhalte. Weiterhin teilte er Inhalte von Martin Sellner, dem Kopf der Identitären Bewegung, auf seinen Kanälen. Seinen damaligen Telegram-Kanal mit knapp 10o.000 Abonnent*innen wollte er Anfang 2023 auflösen. Bis heute hat der Schlagermusiker einen Telegramkanal zusammen mit seiner Frau, mit knapp 46.ooo Abonnent*innen. Hier teilt er neben Neuigkeiten zu Auftritten und Songs in regelmäßigen Abständen Inhalte von D. Trump, Robert F Kennedy Jr. oder Auf1.

